Einstimmung
Ich habe nie eine Schlacht selbst erlebt, nicht aus der Nähe, nicht in Hörweite, nicht danach auf der Walstatt. Ich habe Menschen befragt, die an Schlachten teilgenommen haben - meinen Vater z.B. und meinen Schwiegervater -, ich bin über Schlachtfelder gegangen, in England, in Belgien, in Frankreich und in Amerika, ich habe oftmals kleine Überbleibsel der Kämpfe aufgelesen - den Granatsplitter einer deutschen 15-m-Haubitze am Straßenrand des Wäldchens von Ypern, das verrostete Panzerabwehrgeschoss , das irgendein Highlander der 2. Argyll and Sutherlands im Juni 1944 in einer Obstgartenhecke von Gavrus in der Normandie achtlos zurückließ -, und ich habe den einen oder anderen handlichen Fund mit nach Hause genommen (eine Minié-Kugel von Shiloh und ein Schrapnell von Höhe 60 liegen heute zwischen Fadenrollen in einer bemalten Schachtel auf meinem Wohnzimmersims). Natürlich habe ich über Schlachten gelesen, über sie gesprochen, mir Vorträge und Vorlesungen über Schlachten angehört, und in den letzten vier oder fünf Jahren habe ich Schlachten über den Fernsehschirm flimmern sehen. Viele andere, frühere Schlachten dieses Jahrhunderts - manche überzeugend authentisch - hat mir die Wochenschau gezeigt, viele hochdramatische Spielfilme zogen an mir vorbei, und zahllose Einzeldarstellungen von Schlachten habe ich betrachtet: Fotografien, Gemälde und Skulpturen von unterschiedlicher Realistik. Aber ich habe, wie gesagt, nie an einer Schlacht teilgenommen. Und mir wird immer deutlicher bewusst, dass ich so gut wie keine Ahnung habe, wie es in einer Schlacht wirklich zugeht.
Daran ist überhaupt nichts Bemerkenswertes. Denn sehr, sehr wenige Europäer meiner Generation - ich bin 1934 geboren - haben aus erster Hand erfahren, was eine Schlacht ist - ein Erlebnis, das das Leben von Millionen ihrer Väter und Großväter einschneidend bestimmte. So kann ich denn - abgesehen von den vier- oder fünftausend Franzosen, die mit ihren deutschen, spanischen und slawischen Kameraden in der Fremdenlegion Dien Bien Phu überlebten, und den etwas größeren Kontingenten von Briten, die 1950/51 am Feldzug in Mittelkorea teilgenommen haben - in der Alten Welt keine Bevölkerungsgruppe unter 40 finden, die als Frontkämpfer eine Schlacht durchlebt hat. Wenn ich "Schlacht" und "Frontkämpfer" sage, so wird deutlich, dass ich bei dieser Feststellung einige sorgfältig ausspare; am deutlichsten gilt dies für all die Kinder im Festlandeuropa des Zweiten Weltkrieges, die zwischen 1939 und 1945 mehrfach Schlachten über sich ergehen lassen mussten. Aber es gilt auch für die Tausende britischer und französischer Soldaten, die während der Entkolonialisierung in Afrika und Südostasien unter Waffen standen, denen ich überdies die britischen Soldaten beigesellen sollte, die in Nordirland ihren gefahrvollen Ordnungsdienst versehen.