Christian Jansen,
Henning Borggräfe
Nation - Nationalität - Nationalismus
Die Entstehung des Nationalismus ist eine der wichtigsten Entwicklungen des 19. und 20. Jahrhunderts. Die Autoren bieten einen umfassenden Einstieg in die Nationalismusforschung und die Geschichte des Nationalismus in Europa. Behandelt werden die bedeutendsten Nationalismustheorien sowie einzelne Aspekte wie Nationalismus und Aggression, Nationalismus und Religion oder Nation und Geschlecht. An Beispielen aus der europäischen Geschichte werden diese Themen veranschaulicht. Dabei wird die deutsche, auf Sprache und Abstammung abhebende Definition der Nation anderen gegenübergestellt: dem französischen Modell der Nation als politischer Wertegemeinschaft, dem Schweizer Modell einer Nation als Interessengemeinschaft sowie der konfliktreichen Nationenbildung auf dem Balkan. Der Band schließt mit einer Typologie des Nationalismus in Europa.
Autor
Pressestimmen
15.09.2008, H-Soz-u-Kult
"Die klare Gedankenführung wird dazu beitragen, dass sich diese Einführung im akademischen Unterricht bewährt."
01.04.2009, neue politische literatur
"Sehr zu empfehlen ist dieses Buch, weil es differenziert und doch pointiert in die politikgeschichtliche Nationalismusforschung einführt."
01.09.2009, Jahrbuch Extremismus & Demokratie
"Ein interessantes und kenntnisreiches Werk, das gut strukturiert und leicht verständlich über die jeweiligen Aspekte informiert."
Inhaltsverzeichnis
Leseprobe
download
Mobilmachung und Kriegsausbruch versetzten Anfang August
1914 weite Teile der europäischen Bevölkerung in einen nationalistischen
Erregungszustand. »Nun ist sie da, die heilige Stunde!«,
verkündete der »Alldeutsche Verband«, die wichtigste Organisation
des Nationalismus im Deutschen Reich, einer Massenbewegung,
die den Weltkrieg lautstark herbeiforderte. Im sogenannten
»Augusterlebnis« offenbarte der Nationalismus sein gewaltiges
Potenzial als »eines der mächtigsten, wenn nicht das mächtigste
soziale Glaubenssystem des 19. und 20. Jahrhunderts« (Elias 1989:
194).
Nation, Nationalität und Nationalismus gehören zu denjenigen
politisch-kulturellen Phänomenen, die die europäische Geschichte
im 19. und 20. Jahrhundert am stärksten geprägt haben.
Sie entstanden in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts auf
dem europäischen Kontinent und fanden im Verlauf des »langen
19. Jahrhunderts« wachsende Verbreitung in der Bevölkerung. Seit
der Mitte des 19. Jahrhunderts wurde die Nation zur wichtigsten
politischen Legitimationsinstanz. Im August 1914 traten schließlich
Millionen europäischer Männer an, für ihre Nation zu sterben.
Der Nationalismus hatte sich in Europa durchgesetzt. Nach
dem Ersten Weltkrieg hat der Nationalismus auch weltweit Bedeutung
erlangt. Obwohl der Einfluss des Nationalismus in großen
Teilen Europas seit dem Zweiten Weltkrieg zurückzugehen
scheint, nennt Benedict Anderson, einer der derzeit einflussreichsten
Nationalismusforscher, die Zugehörigkeit zu einer Nation und
den Nationalstolz den »am universellsten legitimierten Wert im
politischen Leben unserer Zeit« (Anderson 2005: 12 f.).
Die Auseinandersetzung mit Nation, Nationalität und Natio-
nalismus ist ein zentrales Thema der neueren und neuesten Geschichtsschreibung
und bleibt in ihrer Bedeutung aktuell. Die
nationalistische Prägung der meisten Menschen war und ist eine
wichtige Triebkraft für zwischenstaatliche Kriege, Bürgerkriege
und vielfältige Alltagskonflikte. Der Nationalismus hat zahllose
Menschen zu politischem und gesellschaftlichem Engagement
motiviert, zu Widerstand gegen Unterdrückung und Kolonialismus
aufgestachelt und zu Höchstleistungen auf den unterschiedlichsten
Gebieten angespornt. Nationalismus war (und ist vielfach
noch) attraktiv: Er vermittelt ein Gefühl von Zugehörigkeit und
verspricht Gleichheit durch Einheit – und in dieser Einheit Teilhabe
an Macht (vgl. Jeismann/Ritter 1993: 22 f.; Balibar 1988: 119).
Eine erste definitorische Annäherung an das Phänomen Nationalismus
kann drei zentrale Komponenten herausstellen: erstens die axiomatische
Behauptung der Existenz der »Nation« oder des »Volkes« als handelndes
Subjekt der Geschichte;1 zweitens die Festlegung exklusiver Zugehörigkeit
eines jeden Individuums zu einer speziellen Nation; sowie drittens
die Stilisierung der Nation zu einem hohen sittlich-moralischen Wert,
vielfach (insbesondere in Kriegen) sogar zur wichtigsten Richtschnur
menschlichen Handelns.
Ergänzungen zum Buch
zurück