Martin Heidegger

nicht mehr lieferbar E-Book kaufen

Peter Trawny

Martin Heidegger

Martin Heidegger ist einer der einflussreichsten Philosophen des 20. Jahrhunderts. Sein Werk Sein und Zeit hat Generationen von Philosophen und Intellektuellen geprägt, von Sartre bis Gadamer und Foucault. Doch Heidegger ist auch, aufgrund seiner politischen Verstrickungen in den Nationalsozialismus, überaus umstritten. Peter Trawny führt durch Heideggers Denken von dessen ersten philosophischen Schriften in den 20er bis zu den technikkritischen Ausführungen in den 60er und 70er Jahren und bietet damit eine wichtige Grundlage zum Verständnis moderner Philosophie.

Peter Trawny
Peter Trawny, Dr. phil. habil., ist Privatdozent an der Universität Wuppertal und Angestellter an der Universität Freiburg. Zuletzt erschien von ihm Heidegger und Hölderlin oder Der Europäische Morgen (2003).
mehr zum Autor (www.campus.de)

20.11.2003, Heilbronner Stimme
Heideggers Philosophie
"Trawny gelingt die Gratwanderung, Heideggers eigenwillige Sprache zu 'übersetzen', ohne sie ihrer substanziellen Tiefe zu berauben."

Inhalt


Siglen 7
Einleitung 11

1 Philosophie des Lebens
1.1 Phänomenologie und Hermeneutik 19
1.2 Die urchristliche »Faktizität des Lebens« 30
1.3 Anfänge mit Aristoteles und Platon 38

2 Die Frage nach dem Sein
2.1 Die Analytik des Daseins oder Existieren als Sein zum Tode 48
2.2 Die Geschichtlichkeit des Daseins 68
2.3 Die ontologische Differenz 77

3 Die Geschichte des Seins
3.1 Zur Struktur des »Ereignisses« 89
3.2 Der Streit von Welt und Erde 101
3.3 Die Überwindung der Metaphysik 109

4 Denken und Dichten
4.1 Die Frage nach der Sprache 119
4.2 Hölderlin 126
4.3 Die Götter und der Gott 136

5 Welt und Technik
5.1 Friedrich Nietzsche und Ernst Jünger 143
5.2 Zur Zweideutigkeit des »Gestells« 149
5.3 Ankunft im »Geviert«? 161

6 Rezeption und Wirkung 170

Literatur 178
Glossar 183
Biographische Daten 188

Heideggers Denken ist alles, nur nicht »moderat«. Der Philosoph kennt die Extreme und nimmt kein Blatt vor den Mund, indem er das Äußerste zum Maßstab für die Norm erklärt und andersherum nicht denken möchte. Immer wieder thematisiert er die »Entscheidungen« und Brüche, die tiefen Einschnitte und Schrecken der Existenz, aber auch das Heilende, das jedes Leben kennt. Und war das Leben in beiden Hälften des 20. Jahrhunderts nicht von Kriegen und Völkermorden auf extreme Weise betroffen? In der Tat: Heideggers Philosophie hat sich den Katastrophen dieses Jahrhunderts gestellt und ist dadurch eine Art Echo der Zeit geworden. Wer Heideggers Texte liest, spürt den Druck, den die Geschichte im letzten Jahrhundert erzeugt hat. Diese Geschichte intellektuell und moralisch stets auf dem richtigen Weg zu überstehen, das hätte nur der vermocht, der ihr unentwegt ausgewichen wäre. Das war Heideggers Sache nicht -- denn wie soll man sich aus dem Leben heraushalten?
Man kann die wenig verhohlene Lust an der Provokation spüren, wenn Heidegger in einem Vortrag aus dem Jahre 1952 die skandalösen Worte ausspricht: »Die Wissenschaft denkt nicht.« (GA 7, 133) Hatte er nicht gewusst, dass er damit viele Wissenschaftler brüskiert? Hatte er nicht geahnt, wie er damit vielen akademischen Philosophiegelehrten, die es ernst nehmen, dass die Philosophie an einer Institution für Wissenschaft und Bildung unterrichtet bzw. erforscht wird, und die sich nicht einem ständigen Selbstwiderspruch aussetzen wollen, vor den Kopf stößt? Doch so provokant dieser Satz zu sein scheint, so verständlich wird er, wenn man ihn im Kontext versteht. Wieder einmal evoziert er eine Entscheidung und bringt zum Ausdruck, dass Indifferenz nicht geduldet werden kann. Ist die Philosophie eine Wissenschaft im modernen Sinne oder nicht? Heidegger hat von Anfang an erklärt, dass sie entweder im aristotelisch-hegelischen Sinne die Wissenschaft aller Wissenschaften oder keine Wissenschaft sei. Aber wie soll heute eine sich wissenschaftlich auslegende Philosophie mit einem Denken umgehen, das jede Forderung, es müsse sich vor einer ihm überlegenen Instanz oder gar Institution rechtfertigen, für unannehmbar hält?
»Denken ist Danken« (GA 8, 149 ff.), sagt Heidegger in einer Vorlesung vom Anfang der fünfziger Jahre. Das Denken sei keine Wissenschaft, sondern ein »Danken« -- eine scheinbar pathetische Übertreibung. Auch diese Äußerung weckt immer noch Befremden und wird zuweilen dem für esoterisch gehaltenen Stil oder gar den Stilblüten des Philosophen zugeschrieben. Dabei schwingt in diesem Gedanken nur das mit, was auch im Wort »Vernunft« anklingt, dass nämlich das Denken kein spontanes Vermögen ist, sondern auf das angewiesen ist, was es »vernimmt«. Wieder scheint es um eine Entscheidung zu gehen: Macht sich das Denken seine Gedanken selbst oder empfängt es sie -- hat sich der Mensch die Sprache selbst erfunden oder entspringt der Mensch der Sprache?
Doch der Spruch »Denken ist Danken« kann noch anders verstanden werden. Wenn man einerseits vor dem gar nicht »moderaten« Ton und einem manchmal esoterischen Moment in Heideggers Denken zurückschreckt, wenn viele Kritiker hier eine prophetische Pose vermuten, dann muss dagegen betont werden, dass kein anderer deutscher Philosoph des letzten Jahrhunderts so viele bedeutsame Schüler hatte und sich mit so vielen und unterschiedlichen Gesprächspartnern einließ wie Heidegger. Unter den Schülern sind Hans-Georg Gadamer, Karl Löwith, Hans Jonas oder auch Herbert Marcuse zu nennen. Hannah Arendt hat unübersehbar von ihrem Lehrer und Geliebten gelernt. Mit Ernst Jünger trat er in eine einzigartige philosophische Auseinandersetzung ein. Mit den Philosophen Max Scheler und Karl Jaspers
führte er einen intensiven Gedankenaustausch. Mit dem ehemaligen Psychoanalytiker Medard Boss begründete er die »Daseinsanalyse«. Die Freundschaften mit der Pädagogin Elisabeth Blochmann und der Witwe des verehrten Hölderlin-Editors Norbert von Hellingrath Imma von Bodmershof dokumentieren ausführliche Briefwechsel. Der Theologe Rudolf Bultmann lernte von ihm in seiner Marburger Zeit. Die Germanisten Max Kommerell, Emil Staiger und Beda Allemann erkannten sein hermeneutisches Genie. Paul Celan suchte seine Nähe, während der Philosoph die große Bedeutung des Dichters erkannte. Nach dem Krieg knüpfte er Beziehungen in Frankreich mit Jean Beaufret und dessen Schülern, er begegnete dem Dichter René Char. Viele andere wären noch zu nennen. Wenn das »Denken« ein »Danken« ist, dann wird damit auch gesagt, dass die Philosophie ein Gespräch ist und der Philosoph die Fähigkeit haben muss, sich etwas sagen zu lassen, also mehr zu hören und zu antworten statt sich im Monolog abzuschließen. Wir müssen dem Anderen dankbar sein, weil er uns denken lässt.
Häufig hat Heidegger betont, dass jeder Philosoph nur eine einzige Frage habe. Seine war die »Frage nach dem Sinn von Sein«.[...]

zurück

Erscheinungstermin:
15.09.2003

kartoniert

192 Seiten

Reihe: Campus Einführungen

EAN 9783593373591

€ 12,90

inkl. MwSt.

Kostenlose Lieferung. Für Ausnahmen siehe Details Mengenpreis Alle Titel dieser Reihe
nicht mehr lieferbar E-Book kaufen